Mittwoch, 11. Juni 2025

Schriftrollen vom Toten Meer: Neue Datierung enthüllt überraschende Alter

Die Schriftrollen vom Toten Meer, seit ihrer Entdeckung 1947 als älteste Zeugnisse des antiken Judentums und Urchristentums gefeiert, sind noch älter als bisher angenommen.Eine aktuelle Studie unter Leitung von Prof. Mladen Popović von der Universität Groningen, veröffentlicht im Fachjournal „PLoS ONE“, zeigt: Einige Fragmente aus Qumran stammen sogar aus der Zeit ihrer vermuteten Verfasser. 
 
Durch die Kombination von Radiokarbondatierung, Paläographie und Künstlicher Intelligenz (KI) gelang eine präzisere Datierung, die die Forschung revolutionieren könnte.
 
Neue Methode schließt Lücke
 
Bisher stützte sich die Datierung der Schriftrollen vor allem auf die Paläographie, die historische Handschriften analysiert. Doch diese Methode war ungenau, da vergleichbare datierte Manuskripte fehlen und zwischen dem 5. und dem 1. Jahrhundert v. Chr. eine Datierungslücke klafft. 
 
Das Team um Popović schloss diese Lücke im Rahmen des ERC-Projekts „The Hands That Wrote the Bible“ mit einem KI-basierten Modell namens „Enoch“. Es kombiniert Radiokarbondatierungen von 24 Proben mit einer paläographischen Analyse, unterstützt durch ein Deep-Learning-Netzwerk (BiNet). Dieses untersucht Tintenmuster und Zeichenformen auf Mikroebene, um Schreibstile präzise zu datieren – mit einer Unsicherheit von nur ±30 Jahren, teils genauer als direkte Radiokarbondatierungen.
 
Überraschende Ergebnisse
 
Die Analysen zeigen: Viele Schriftrollen sind älter als gedacht. Besonders die sogenannten hasmonäischen und herodianischen Schriftstile, die bisher auf 150–50 v. Chr. bzw. ab Mitte des 1. Jahrhunderts v. Chr. datiert wurden, existierten offenbar schon im späten 2. Jahrhundert v. Chr. parallel. Zwei Fragmente, „4QDanielc“ (4Q114) und „4QQoheleta“ (4Q109), stammen zudem aus der Zeit ihrer mutmaßlichen Verfasser im 2. und 3. Jahrhundert v. Chr. – eine Sensation, da dies die ersten bekannten Manuskripte sind, die so nah an der Entstehungszeit der biblischen Bücher Daniel und Kohelet liegen.
 
Bedeutung für die Forschung
 
Die neue Chronologie hat weitreichende Folgen. „Sie eröffnet neue Einblicke in die Schriftkultur des antiken Judäa und deren Verknüpfung mit politischen und kulturellen Entwicklungen, wie dem Aufstieg der Hasmonäer oder der Entstehung religiöser Gruppen“, erklärt Popović. 
 
Die Studie liefert erstmals materielle Zeugnisse von den „Händen, die die Bibel schrieben“, und verändert das Verständnis der hellenistischen und frühen römischen Zeit. 
 
Mit „Enoch“ setzt die Forschung einen Meilenstein: Das KI-Modell bietet eine objektive, empirische Basis für die Datierung antiker Handschriften – ein Durchbruch für die Bibel- und Geschichtsforschung.



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